Von einem wahren Humanisten lernen


„ … Gewiss gebietet die Weisheit, dass von alters her bestehende Regierungen nicht aus geringfügigen und vorübergehenden Anlässen geändert werden sollten; und demgemäß hat jede Erfahrung gezeigt, dass Menschen eher geneigt sind zu dulden, solange die Missstände noch erträglich sind, als sich unter Beseitigung altgewohnter Formen Recht zu verschaffen. Aber wenn eine lange Reihe von Missbräuchen und Übergriffen, die stets das gleiche Ziel verfolgen, die Absicht erkennen lässt, sie absolutem Despotismus zu unterwerfen, so ist es ihr Recht und ihre Pflicht, eine solche Regierung zu beseitigen und neue Wächter für ihre künftige Sicherheit zu bestellen. … “


(Zitiert aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung)





Foto: courage elser



Rede von Hajo Funke:


Georg Elser –
Zur Ausstellungseröffnung am 1. November 2011
im Schloss Oranienburg


Es gilt das gesprochene Wort


Am 9. Nov 1939, also mehr als zwei Monate nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, verübte der damals 36 jährige Arbeiter Georg Elser ein Attentat im Bürgerbräukeller, das darauf zielte, die Spitze des nationalsozialistischen Reichs, vor allem Hitler selbst durch Tyrannenmord auszuschalten. Neben Claus von Stauffenbergs Anschlag vom 20. Juli 1944 – über 4 Jahre später – war es die einzige Tat, die dem Leben des deutschen Diktators direkt gefährlich wurde (nach auch im folgenden Peter Steinbach und Johannes Tuchel über Elser).

Georg Elser hat diese Entscheidung zum Tyrannenmord Jahre reflektiert und präzise vorbereitet und umzusetzen versucht. Er ist nur deswegen gescheitert, weil  die nationalsozialistische Führungsgruppe Hitler, Göring und Goebbels vorzeitig den Bürger Bräu Keller verlassen hatte.

Georg Elser war auch im Alltag zuvor konsequent: er machte keinen Hitler Gruß mit und er verließ den Raum, wenn man gemeinsam Hitler reden hören wollte. Er ahnte und begann zu wissen, dass nach dem Münchner Abkommen vom Oktober 1938 die nationalsozialistische Führung unvermeidlich auf einen verbrecherischen Aggressionskrieg setzte. In diesem Kontext traf er letztlich seine Entscheidung, das Attentat zu versuchen. Es wurde minutiös und kompetent vorbereitet – ich kann hier darauf nicht eingehen. Sie können es in der Ausstellung sehen.


Die angemessene historische und politische Würdigung dieses Attentäters blieb in der Nachkriegs Republik sehr viel länger aus als die Würdigung des 20. Juli. Auch sie begann erst in den fünfziger bzw. sechziger Jahren. Und sie war einher gegangen mit einer langsam einsetzenden Kritik an der Identifizierung der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung mit dem Nationalsozialismus. Erst in den achtziger Jahren erwähnte auch die offizielle Politik seinen Attentatsversuch – aber immer  noch bei zugleich scharfer Kritik vieler Zeitgenossen. Keineswegs nur der Rechtsextremen.

Niemand ging dabei in der interessierten Öffentlichkeit so weit wie 1999 Lothar Fritze, der diesem Attentäter gleichsam die Ehre abschnitt.

Der Politikwissenschaftler kam in seiner Chemnitzer Antrittsvorlesung zu dem Schluss, dass es sich bei dem Anschlag von Elser um eine Tat gehandelt hat, deren Ausführungsweise moralisch nicht zu rechtfertigen sei. Er sprach Elser verantwortliches Handeln, Umsicht und Einsichten und nicht zuletzt auch den Nachlebenden die Möglichkeit ab, Elsers Tat zu würdigen. Mehr noch: es ging ihm um die Frage nach der Möglichkeit einfacher Menschen zum Widerstand in einer Diktatur. Elser habe mit der Tat seine politische Beurteilungskompetenz überschritten: konnte ein Durchschnittsbürger nach dem Münchner Abkommen im Herbst 1938 begründet mutmaßen, dass ein Krieg, für den Hitler verantwortlich sein wird, unvermeidlich sein wird?

Zur politischen Beurteilungskompetenz gehöre eine Ahnung von der nationalsozialistischen Ideologie, die Beschäftigung mit einschlägigen Büchern oder Zeitschriften und die eingehende Befassung mit politischen Fragen, so Fritze.

Wir wissen aber schon von der traditionellen Philosophie zum Widerstandsrecht, dass es von der moralischen Urteilskompetenz abhängt, die Fritze bestreitet und keineswegs vom Grad der beflissenen intellektuellen Behandlung mit diesem Thema.

Ausweislich seiner Lebensgeschichte, die Fritze bekannt sein musste, ist aber gerade jemand wie Georg Elser einer gewesen, der geradezu skrupulös die Zeitverhältnisse beobachtet hat und sich entschieden gegen das Regime gestellt hat – und zwar bis in das Alltagshandeln mit seiner dort gezeigten Zivilcourage – etwa den Hitler Gruß zu verweigern.

Wenn Fritze behauptet, Elser habe seine politische Beurteilungskompetenz überschritten, heißt das nichts weniger als die Legitimität einer solchen Tat und darüber hinaus die Legitimität des gesamten Widerstands gegen den Nationalsozialismus infrage zu stellen. (Steinbach Tuchel, S. 165).

Aber auch empirisch historisch ist belegt, dass Elser in seiner Arbeit in der Heidenheimer Armaturenfabrik eindeutig Kriegsvorbereitungen sah, sie durch Zeitungen erschließen konnte, durch ausländische Rundfunksender und so skrupulös die wichtigen Quellen nutzte, um sich ein eigenes Urteil zu bilden. Und es war mit dem Münchner Abkommen nicht nur ihm, sondern sehr vielen klar, dass dies nur eine Verzögerung auf dem Weg zum Weltkrieg war. Und wäre es -nehmen wir das Argument Fritzes für eine Sekunde ernst - zu einer entschiedenen Korrektur im Sinne einer Friedenspolitik und menschenrechtlich veantwortlicheren Politik gekommen, so hätte Elser auch dies reflektiert. Aber der Attentatsversuch fand mitten im Weltkrieg - mehr als zwei Monate nach seinem verbrecherischen Beginn und nach tausenden von polnischen Zivilopfern – statt. Er zeigte gerade, was man wissen konnte und damit als ein kluger und entscheidungsfähiger Zivilcouragierter. Seine Entscheidung war nicht das Resultat  eines ungebildeten, nicht entscheidungs- und urteilsfähigen Menschen, als der ihn Fritze diffamiert, sondern das Resultat einer kenntnisreichen, sachorientierten und nüchternen politisch moralischen Abwägung. Und zugleich eine im besten Sinne – paradox genug: in seiner Unbedingtheit! -  verantwortungsethische Tat.


Dass es Fritze gewagt hat, die Ausführungsweise von Elsers Tat als moralisch nicht zu rechtfertigen zu beschreiben - darin zeigt sich ein Abgrund an Nichtwissen über die Realität dieses verbrecherischen NS Staates zu jener Zeit als auch die Möglichkeiten des Widerstands gegen diese Diktatur. (ebd. 168) Es war der späte Versuch, noch einmal diejenigen (revisionistisch) zu delegitimieren, die den Widerstand wagten. Auch zehn Jahre später hat Lothar Fritze nichts von dieser dogmatischen Einordnung des Kontextes und der moralischen Denunziierung der Qualität dieses Widerstands gelassen. (noch mal checken)

Elser ist als Widerstandskämpfer am 9. April 1945 wenige Wochen vor dem Ende des NS Staates - am selben Tag wie Dietrich Bonhoeffer, Wilhelm Canaris, Karl Sack und Hans von Dohnanyi - auf Befehl Hitlers kurz vor dessen Selbstmord in Dachau ermordet worden. (ebd 173) Steinbach und Tuchel verweisen auf diese Gleichzeitigkeit und zitieren eine der eindringlichen Reflektionen Dietrich Bonhoeffers, als er fragt, was eigentlich hinter der Klage über die mangelnde Zivilcourage steckt. In diesen Jahren sagte er habe man viel Tapferkeit und Aufopferung, aber fast nirgends Zivilcourage gefunden. Dies sei nicht Ausdruck persönlicher Feigheit, sondern die Folge einer spezifischen Tugend der Deutschen, ihrer Kraft zum Gehorsam.

Wie oft hat Bonhoeffer damit auch das getroffen, worum es in der Haltung Georg Elsers gegangen ist und heute geht: eine Zivilcourage, als freie Verantwortlichkeit, die gegen das aufgezwungene stark genug seien und uns zur Aufrichtigkeit gegen uns selbst schonungslos zwingen. Eine freie und verantwortliche Haltung auch gegen Beruf und Auftrag, um so die Gefahr einer verantwortungslosen Skrupellosigkeit zu bannen.


Wir ahnen, wie auch wir diesen Anspruch, der so einfach über die Lippen kommt, eine freie verantwortliche Zivilcourage täglich verfehlen können. Es gehört offenkundig eine innere Einstellung dazu, die die möglichen Verletzungen anderer zum Kern seiner eigenen Verantwortungsethik macht. Das ist vielleicht die größte Herausforderung, der wir überhaupt begegnen. Denn sie bedeutet, in jeder Situation diese Reflektion zu betreiben, zu prüfen, ob man heute, ob man hier verantwortlich handelt -  im Sinne des ethischen Minimums der Sicherung und der Stärkung der Menschenwürde gegenüber Entwertungen, Mobbing und alle Arten physischer und psychischer Verletzungen. Ohne diese politisch-moralische verantwortungsethische Kompetenz wird man das Gemeinwesen nicht schützen können. Dies gilt für die Finanzjongleure wie für die Rechtsextremen, die immer noch zuschlagen wollen oder das Vierte Reich herbeisehnen und es gilt erst recht für die Lothar Fritzes, die nicht müde werden, die Dimension des verantwortlichen Handelns Georg Elsers zu missdeuten und zu diffamieren. Unbarmherzig. Rigide. Fundamentalistisch.


Ich muss gestehen, dass ich den Organisatorinnen dieser Ausstellung hier in der Mitte dieser schwer geprüften und um ihre eigene Identität ringenden und demokratisch aufblühenden Stadt Oranienburg persönlich dankbar bin. Durch meine späte Konfrontation mit Georg Elser, nicht zuletzt den Texten meiner Freunde Steinbach und Tuchel und durch den couragierten Einsatz der Courage-Elser-Initiative um Burkhard Graef, die Schülerinnen und Schüler aus Oranienburg weiß ich jetzt erst, was alles dieses wunderbare Wort freiheitlicher Zivilcourage – vielleicht die entscheidende Antwort auf den nationalsozialistischen Zivilisationsbruch - und für jeden von uns (in seiner ganzen Unterschiedlichkeit in den jeweiligen historischen Situationen) bedeutet.

Ohne diesen kulturellen Kampf um ein immer besseres Verständnis dessen was Menschenwürde in freien Gesellschaften heißt, vor allem aber in (noch) nicht befreiten Gesellschaften bedeutet und was wir zu ihrer stetigen Verteidigung couragiert tun müssen, verlieren wir sie.

Ihnen ganz ganz herzlichen Dank.

Hajo Funke



… und hier aus der deutschen Rechtsprechung:


Im Namen des Volkes  (?!?)


























Urteil-Landgericht-Neuruppin-2012-06-20.pdf



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