Presse

Pressemitteilung der Courage-Elser-Initiative:

Neonazis dürfen das –
NPD-Mann attackiert Courage-Elser-Initiative

Vor mittlerweile zwei Jahren, am 9. April 2010, lud die „Courage-Elser-Initiative für Zivilcourage heute e.V.“ zu einer Würdigung des wohl bedeutendsten Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus, des schwäbischen Schreiners Georg Elser, in das Bürgerzentrum Oranienburg ein. Der Saal war voll, und mit großer Aufmerksamkeit folgten die Teilnehmer einer Rede von Prof. Dr. jur. Jutta Limbach, der ehemaligen  Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, zum Thema „Georg Elser – Ein Volksheld oder ein Täter mit gutem Gewissen?“

Zur Erinnerung: Elser wollte das Land von einem üblen Tyrannen befreien - lediglich dreizehn Minuten fehlten am Gelingen dieses Vorhabens. Wäre Hitler am 8. November 1939 diese Minuten länger im Münchner Bürgerbräu geblieben, dann wären der Welt mit großer Wahrscheinlichkeit ein fürchterlicher Krieg mit 50 Millionen Toten, die Vernichtung von 5,6 Millionen Juden, die Vertreibung unzähliger Deutscher aus ihrer Heimat, eine Unzahl von Grausamkeiten sowie schließlich ein noch viele Jahre dauernder Kalter Krieg erspart geblieben. 

Bei der Veranstaltung der Courage-Elser-Initiative in Oranienburg zogen zunächst mehrere Personen vor dem Gebäude auf, die auf Pappschildern an die Namen der bei dem Attentat umgekommenen Personen erinnern wollten. Die Polizei bereitete diesem Spuk ein Ende, doch es folgte eine nächste Provokation: Der NPD-Abgeordnete in der Oranienburger Stadtverordnetenversammlung, Detlef A., meldete sich nach der Rede von Prof. Limbach zu Wort und schwadronierte in übelster Weise gegen den Widerstandskämpfer Georg Elser und dessen mutige Tat. Die Anwesenden waren zunächst fassungslos, dem Entsetzen folgte ein immer deutlicher werdender Protest. Dem Versammlungsleiter Burkhard G. blieb schließlich nichts anderes mehr übrig, als den rechten Störer in die Schranken zu weisen.

Mittlerweile sind mehr als zwei Jahre vergangen, es hat einen Prozess gegen den Versammlungsleiter der Courage-Elser-Initiative, Burkhard G., gegeben, er wurde verurteilt, die Saalverweisung von A. wurde als rechtswidrig erklärt, und G. soll nun mehrere tausend Euro an Gerichts-, Anwalts- und Rechtsverfolgungskosten zahlen. Das muss man sich einmal ganz dezidiert vor Augen halten: Da wird während einer Gedenkveranstaltung für den Hitler-Attentäter Georg Elser ein pöbelnder Neonazi  vom Versammlungsleiter des Saales verwiesen, und die deutsche Rechtsprechung sieht darin eine Verletzung seines Ansehens und eine Einschränkung seiner Meinungsfreiheit.

Aber wie kann es sein, dass ein einzelner ideologisch verblendeter Wichtigtuer in aller Öffentlichkeit auftritt und von einem „Herrn Reichskanzler“ und einem „Herrn Hitler“ spricht, das Ansehen eines leidenschaftlichen Antifaschisten beschmutzt, die Empörung Dutzender Versammlungsteilnehmer ignoriert und penetrant seine diffamierenden Einlassungen von sich gibt, während der Versammlungsleiter mehrfach versucht, ihn an seinem schäbigen Tun zu hindern. Irgendwann bleibt nichts anderes übrig, als ihn des Saales zu verweisen. Soviel Einsicht hat dieser erstaunlicherweise noch, er nimmt seinen Mantel und geht.

Detlef A. ist aber nun beleidigt. In dem schon verschiedentlich gezeigten Bestreben solcher Leute, sich immer wieder ein demokratisches Mäntelchen umhängen zu wollen, läuft er zu einem wohlgesonnenen Advokaten, der sich übrigens schon Meriten in mehreren NPD-Prozessen erworben hat. Als Hartz-4-Empfänger bekommt Detlef A. eine Gerichtskostenbeihilfe zugesprochen, und so beginnt der Feldzug gegen die Courage-Elser-Initiative.

Die Gerichtsbarkeit geht ans Werk und konstatiert:  Verletzung der Meinungsfreiheit, Verletzung des Ansehens eines Stadtverordneten, Verletzung des Versammlungsstatuts, Verletzung des Verletzten…  Der Saalverweis wird hochstilisiert zu einem „schwerwiegenden Eingriff in die grundrechtlich geschützte Position des Klägers aus Art. 8 GG“, der geeignet sei, „sich abträglich auf Ansehen und Ehre des politisch aktiven Klägers in der Öffentlichkeit auszuwirken.“ Da tritt einer einem Neonazi auf die Füße und schon beeilt sich deutsche Gerichtsbarkeit, diesem vollste Satisfaktion zu gewähren.

Fazit: Wenn also ein solches Urteil die Nazibrut versichert, sich immer wieder rechtlicher Rückendeckung gewiss zu sein, sollten demokratische Kräfte jederzeit noch gründlicher bedenken, wie sie sich vor derartigen Störungen schützen können.

Da die Familie von Burkhard G. nun vor einer enormen finanziellen Belastung steht, wird um Spenden gebeten auf das Konto der Courage-Elser-Initiative, Kontonummer 1130729400, BLZ 430 609 67, unter dem Stichwort „Gerichtsurteil“.


Achtung Redaktionen:

Dieser Text geht gleichlautend an folgende Medien:

Oranienburger Generalanzeiger

Märkische Allgemeine Zeitung

Neues Deutschland

Der Tagesspiegel

www.courage-elser.de






Foto: dpa



08.11.2011

dpa

Denkmal für Hitler-Attentäter Elser in Berlin


Berlin (dpa) - Ein ungewöhnliches Denkmal erinnert seit Dienstag

In Berlin an den Hitler-Attentäter Georg Elser: Die Silhouette seines

Gesichts ragt als 17 Meter hohe, filigrane Stahlskulptur über die

Baumkronen in der Nähe der einstigen Nazi-Machtzentrale hinaus.

Kulturstaatssekretär André Schmitz, Initiator Rolf Hochhuth und der

Berliner Künstler Ulrich Klages übergaben des Denkzeichen am

Jahrestag des Attentats der Öffentlichkeit.


   Elser(1903-1945), ein Schreiner aus Schwaben, hatte am 8.

November 1939 versucht, Hitler im Münchner Bürgerbräukeller mit einer

selbst gebauten Bombe zu töten. Die Explosion verfehlte den Diktator

um wenige Minuten, da er überraschend den Versammlungssaal früher

verließ. Mehrere andere Menschen kamen aber ums Leben. Elser wurde

nach jahrelanger Haft in Konzentrationslagern am 9. April 1945

ermordet.


   Klages' Entwurf hatte in einem europaweit ausgeschriebenen

Wettbewerb den ersten Preis gewonnen. Die Jury befand einstimmig,

seine Arbeit sei «ein klares, schwerelos wirkendes Stadtzeichen, das

sich eindeutig auf die Person Georg Elser bezieht».


   Das Denkmal an der Wilhelmstraße in Berlin-Mitte geht auf eine

Initiative des Schriftstellers Rolf Hochhuth («Der Stellvertreter»)

zurück. Das Berliner Abgeordnetenhaus hatte den Wettbewerb 2008

ausgeschrieben. Finanziert wurde das 200 000 Euro teure Projekt von

der Senatsbauverwaltung.




Foto: courage elser


02.11.2011

Märkische Allg.Zeitung, Oranienburger Zeitung


GESCHICHTE:
Symbol des zivilen Widerstandes

Ausstellung über gescheiterten Hitler-Attentäter Georg Elser
im Kreismuseum eröffnet


ORANIENBURG - Im Jahr 1939 ist Adolf Hitler auf dem Zenit seiner Macht angekommen. Die sechs Millionen Arbeitslosen, die es zu Beginn seiner Regierungszeit gab, stehen wieder in Lohn und Brot. Den verhassten Versailler Vertrag hat er ausgehebelt. Das Saarland und das Memelgebiet gehören wieder zum Reich, ebenso die Österreicher und Sudetendeutschen. Und das alles, „ohne Blut zu vergießen und ohne meinem Volk oder anderen daher das Leid des Krieges zuzufügen“, rühmt sich Hitler im April 1939. Die meisten Deutschen folgen ihm, sind führergläubig.


Georg Elser nicht. Der baden-württembergische Schreiner weiß, dass Hitler ein skrupelloser Diktator ist, der zehntausende Regimegegner in Konzentrationslagern foltern lässt und einen furchtbaren Krieg plant. Elser, der von Beginn an den Hitler-Gruß verweigert, sieht aber niemanden, der den Diktator aufhalten kann. Also entschließt er sich zum Tyrannenmord.


Am 9. November 1939, zwei Monate nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen, platziert er eine Bombe im Münchner Bürgerbräukeller. Doch als sie explodiert, hat Hitler den Saal bereits verlassen. Wegen schlechten Wetters musste Hitler mit der Bahn statt dem Flieger zurück nach Berlin – und seine Rede früher als erwartet beenden.


Elser wird an der Grenze zur Schweiz festgenommen. Er kommt als „Sonderhäftling“ zunächst ins KZ Sachsenhausen, später nach Dachau. Dort lässt Hitler ihn ermorden – kurz bevor der Diktator Selbstmord begeht.


In West- und Ostdeutschland blieb Elser lange Zeit unbeachtet. Zu Unrecht, findet Burkhard Gräf. Der Leiter der Courage-Elser-Initiative Oranienburg hat nun eine Sonderausstellung zum Leben und Wirken Elsers nach Oranienburg geholt. Die von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand unter der Leitung von Peter Steinbach und Johannes Tuchel konzipierte Schau wurde gestern im Kreismuseum eröffnet.


Schüler des Georg-Mendheim-Oberstufenzentrums lasen dazu aus den Verhörprotokollen Elsers und spielten nachdenkliche Lieder. Nachdenklich auch der Ton, den Bildungsdezernent Ludger Weskamp anschlug. Er nannte Elser „ein Paradebeispiel für Zivilcourage“ und stellte die Frage, welche Lehren daraus zu ziehen sind. Ist zum Beispiel der Sturz des libyschen Ex-Machthabers Gaddafi gerechtfertigt, auch wenn Unschuldige dabei ihr Leben verlieren? Wann muss man eingreifen, wenn man Gewalt in öffentlichen Verkehrsmitteln sieht?


Der Politikwissenschaftler Hajo Funke wiederum nahm Elser in Schutz vor Kritikern. Elsers Tat zeige, was man 1939 über die NS-Herrschaft wissen konnte. Elsers Attentatsversuch sei eine „verantwortungsethische Tat“ gewesen.


Die Ausstellung ist bis 29. Januar zu sehen: Dienstag bis Freitag von 10 Uhr
bis 16 Uhr; Sonnabend, Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 17 Uhr.
(Von Sebastian Meyer)



7.9.2011


Presseinformation
der Courage-Elser-Initiative für Zivilcourage heute e.V.


Gerichtsverhandlung wegen NPD-Klage gegen den Saalverweis wegen der  Störung einer Elser-Gedenkveranstaltung.


Am Dienstag, den 20.9.2011 um 13.30 Uhr  im Sitzungssaal Nr.4 des Langegerichts Neuruppin geht es um  den Haupttermin zur Güteverhandlung und ggf.die unmittelbar anschließende mündliche Verhandlung  in der Klage des NPD-lers Detlef Appel ./. gegen den Vertreter der Courage-Elser- Initiative Burkhard Gräf.


Amtsgericht Neuruppin Feldmannstr. 1, 16816 Neuruppin

Dienstag, den 20.9.2011 um 13.30 Uhr  im Sitzungssaal Nr.4



Hintergrund:


2010:
Burkhard Gräf im Gespräch mit Prof. Jutta Limbach,
während vor der Tür
Neonazis ihre Altnazis ehrten

Copyright Kappa Foto



Am 9.4.2010 führte die Courage-Elser-Initiative im Bürgerzentrum Oranienburg eine Gedenkveranstaltung zu Ehren des von den Nazis ermordeteten Widerstandskämpfers und Hitler-Attentäters Georg Elser durch, die die Neonazis zu stören versuchten.

Hauptrednerin war Prof. Dr. Jutta Limbach, die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts.


Eine Reihe stadtbekannter Neonazis versuchte die Veranstaltung nachhaltig  zu stören.  Während im Saal der bieder angezogene  NPD-Mann Appel  den Versuch unternahm, eine freie Diskussionsführung unmöglich zu machen und deswegen des Saales verwiesen wurde, standen vor dem Veranstaltungshaus gleichzeitig vermummte  Gesinnungsgenossen „mit  Schildern nationalsozialistischen Inhalts vor der Tür“(Oranienburger Generalanzeiger v. 12.4.10), die  Gäste und Zuschauer einschüchtern und  belästigen sollten. Nach Aussagen der zum Schutz der Veranstaltung  anwesenden Polizei handelte es sich bei den vermummten Störern vor dem Haus ebenfalls um Rechtsradikale, die dem NPD-Lager zuzurechnen sind. Einer der Neonazifreunde Appels wurde in diesem Zusammenhang zwischenzeitlich schon zu einer Geldstrafe verurteilt. 


Für die Veranstalter und eine ganze Reihe von  Zeugen kann nur festgestellt werden, dass die Behauptung des NPD-Mannes Appel, er sei wegen seiner elserkritischen Haltung  des Saales verwiesen worden, nicht mit dem tatsächlichen Ablauf des Vorfalls auf dieser Veranstaltung übereinstimmt. Das Hausverbot gegen Herrn Appel erfolgte erst, als dieser begann, die Veranstaltung systematisch zu stören und der wiederholten Aufforderung, sich an die Saalordnung zu halten, ignorierte.


Die Courage-Elser-Initiative hat mit dem Saalverweis für den Neonazi-Störer nur von ihrem Recht Gebrauch gemacht eine freie und  demokratische Diskussion in ihrer Veranstaltung zu gewährleisten.  Die Klage des Neonazis gegen den Saalverweis  versteht sie als Angriff auf das grundgesetzlich garantierte Recht auf Versammlungsfreiheit.


22.06.2011

Märkische Allg.Zeitung, Oranienburger Zeitung

 

Woher Zivilcourage kommt

Gedenken: Courage-Elser-Initiative ist jetzt ein Verein

Von Frauke Herweg


ORANIENBURG  Ein besseres Beispiel für Zivilcourage in schwierigen Zeiten lässt sich kaum finden. Seit einiger Zeit beschäftigt sich die Courage-Elser-Initiative Oranienburg mit dem Hitlerattentäter Georg Elser. In der vergangenen Woche gründeten sie einen Verein – „Courage – Elser – Initiative für Zivilcourage heute“.

„Wir wollen uns nicht nur mit der Historie beschäftigen“, sagt der Vorsitzende Burkhard Gräf. Vielmehr wollen die derzeit 15 Mitglieder ein Brücke ins Jetzt schlagen. Die Beschäftigung mit Elser soll dazu anregen, über Zivilcourage heute nachzudenken. Dazu will der Verein Vorträge und Projekte anbieten. „Es geht uns nicht um Denkmäler“, sagt Gräf. „Wir brauchen Menschen, die sich engagieren.“

Weil sich das Heute nicht ohne das Gestern denken lässt, kämpft der Verein auch für eine andere Erinnerungskultur. Noch immer konzentriere sich die Beschäftigung mit dem Widerstand im Dritten Reich auf die Verschwörer des 20. Juli, kritisiert Gräf. „Wir wollen eine Entmilitarisierung der Erinnerungskultur.“

Gemeinsam mit anderen Initiativen kämpft der Verein für einen „Elser-Tag für Zivilcourage“. Eine entsprechende Unterschriftenliste, die Gräf und seine Mitstreiter seit einiger Zeit rumgeben, haben unter anderen die Liedermacher Konstantin Wecker und Hannes Wader unterzeichnet. Auf ihrem Konzert heute Abend will Gräf um weitere Unterschriften werben.

Erste Projekte hat der Verein bereits geplant: Im Herbst kommt Manfred Maier, der Mitbegründer des Heidenheimer Georg-Elser-Arbeitskreises, zu Vorträgen in die Region. Ab 1. November soll im Oranienburger Schloss eine Georg-Elser-Wanderausstellung zu sehen sein. fh






Werben für einen bundesweiten Tag der Zivilcourage: der Heidenheimer Manfred Maier und Burkhard Gräf
aus Oranienburg


Foto: räp



18.4.2011

Heidenheimer Zeitung



Zivilcourage:

Elser-Aktivisten für jährlichen Erinnerungs- und Aktionstag

Von Michael Brendel


Widerstand gegen Hitler – in der öffentlichen Diskussion verengt sich die Beschäftigung mit diesem Thema immer noch häufig auf die Person Claus Schenk Graf von Stauffenbergs und die Mitverschwörer vom 20. Juli 1944. Zwei Männer werben jetzt offensiv dafür, den Blick zu weiten und einen jährlichen Erinnerungs- und Aktionstag für Zivilcourage zu etablieren: Manfred Maier (73), Gründungsmitglied des Heidenheimer Georg-Elser-Arbeitskreises, und Burkhard Gräf (59), der vor drei Jahren gemeinsam mit einem Mitstreiter die Courage-Elser-Initiative Oranienburg ins Leben gerufen hat. Mehr als 200 Personen, darunter der Plakatkünstler Prof. Klaus Staeck, haben mittlerweile mit ihrer Unterschrift kundgetan, dass sie die Idee unterstützen, den 9. April zum Elser-Tag für Zivilcourage zu machen. Das Datum ist bewusst gewählt, wurde doch am 9. April 1945 im Konzentrationslager Dachau der Hitler-Attentäter Georg Elser ermordet. In ihm sieht Gräf, der eine Entmilitarisierung der Erinnerungskultur fordert, ein bis heute gültiges „Vorbild für Zivilcourage“.

Während Maier und die übrigen Mitglieder des Heidenheimer Arbeitskreises nach jahrelangem Bemühen mittlerweile mit einiger Zufriedenheit auf die wachsende Würdigung der historischen Rolle Elsers schauen dürfen, sind die Voraussetzungen in Oranienburg, an der nördlichen Stadtgrenze Berlins, gänzlich andere. „Im Osten kennt keiner Elser“, sagt Gräf, „aber sein Leben ist keine Geschichte fürs Museum“.

Auf Anhieb angetan war Maier von Gräfs Vorstellung, an einem konkreten Tag die Erinnerung an Elser mit dem Hinweis zu verbinden, was Zivilcourage in der Gegenwart bedeutet. Der Brückenschlag vom Gestern ins Heute fällt den beiden Akteuren nicht schwer, können sie doch auf die Geschehnisse in Nordafrika verweisen. „Es gibt aktuell wohl kaum ein besseres Beispiel um zu zeigen, was Courage bedeutet“, sagt Maier. Seine selbstempfundene Verbundenheit mit Elser hat Gräf nach 20 Jahren in Ulm mit nach Oranienburg genommen. Nicht weit entfernt liegt das frühere KZ Sachsenhausen, in dem Elser fünf Jahre in Einzelhaft gesessen hatte, ehe er im Frühjahr 1945 nach Dachau überstellt wurde. Noch bis Ende 2011 erinnert derzeit im früheren Oranienburger Zellenbau eine Ausstellung an den „Sonderhäftling Elser“.

Vor Ort trommelt die zehn Mitglieder starke Courage-Elser-Initiative auf teils prominent besetzten Informationsveranstaltungen für ihre Sache. Der Ministerpräsident des Landes Brandenburg, Matthias Platzeck, würdigte die Erinnerung an Elsers Tat als „bürgerschaftliches Engagement im allerbesten Sinne“ und befand, sein Leben und Handeln könnten als Vorbild dienen.
Beide Initiativen setzen nun darauf, möglichst viele Unterstützer und damit Öffentlichkeit zu finden, zumal sich 2013 der Geburtstag Elsers zum 110. Mal jährt. 2015, genau sieben Jahrzehnte nach seiner Ermordung – so die Wunschvorstellung –, könnte dann der Elser-Tag für Zivilcourage Wirklichkeit sein.

Seine genaue Ausgestaltung soll von den jeweiligen Ideen und Möglichkeiten vor Ort bestimmt sein. Wichtig ist Maier die Bereitschaft, die Fahne des zivilen Widerstand hochzuhalten, „weil eine demokratische Gesellschaft davon lebt“. Und Gräf ergänzt: „Es darf nicht sein, dass man immer nur Sonntagsreden hält, und am Montag beginnt dann ein neues Leben.“


11.04.2011

Märkische Allgemeine, Neue Oranienburger Zeitung


Auf den Einzelnen kommt es an Gesellschaft Elser-Initiative lud zu Diskussion über Zivilcourage / Neue Erinnerungskultur gefordert

Gesellschaft braucht Zivilcourage. Doch wie entwickelt man Zivilcourage? Von Frauke Herweg

ORANIENBURG     Er hat es ganz allein versucht. Niemanden weihte er in seine Pläne ein. Am 8. November 1939 versucht Georg Elser ein Attentat auf Adolf Hitler. „Er ist ein Paradebeispiel für Zivilcourage“, sagt Burkhard Gräf von der Courage-Elser-Initiative Oranienburg. Der Zivilist Elser habe versucht, Hitler umzubringen, weil er die Gewalttätigkeit des Regimes erkannt habe. „Er hat sich verantwortlich gefühlt.“ Und er habe genügend Selbstbewusstsein gehabt, seine Tat auch umzusetzen. „Er glaubte einfach, er würde das schaffen.“

Wie entwickeln Menschen Zivilcourage? Darüber diskutierten Interessierte beim Elser-Tag für Zivilcourage am Sonnabend in Oranienburg. Gemeinsam mit anderen Initiativen im Land kämpft die Oranienburger Courage-Elser-Initiative seit längerem für einen Elser-Gedenktag. In der kommenden Woche will Gräf nach Heidenheim reisen, um dort mit anderen Elser-Interessierten über weitere Aktionen zu beraten. Am 20. Juli legten Soldaten Kränze nieder im Gedenken an die Widerständler um Stauffenberg. Nur wenige erinnern sich jedoch an den zivilen Widerstand. „Wir müssen unsere Erinnerungskultur entmilitarisieren“, sagt Gräf. „Dabei geht es nicht allein um Elser, sondern auch um die, die keiner kennt.“

Auch heute gäbe es viele Anlässe, bei denen Menschen Zivilcourage bewiesen hätten – der ehemalige Oberstleutnant etwa, der in Afghanistan einen Befehl verweigerte oder die vielen Demonstranten, die Naziaufmärsche mit Sitzblockaden verhinderten.

Was braucht es neben Verantwortungsbewusstsein und Mitgefühl, um Zivilcourage zu zeigen? Spaß, sagt Bernhard Fricke vom Netzwerk gegen Rassismus und rechte Gewalt. „Es muss eine Vision geben, und es muss Spaß machen, sich zu engagieren.“ Gerade wer junge Menschen gewinnen wolle, müsse sie begeistern können. Ein Bündnis könne dabei helfen. „Niemand muss etwas allein machen“, sagt Fricke.

Doch auch Abgrenzung ist wichtig. „Die Zivilgesellschaft muss Grenzen zeigen“, sagt Jens Anger von der Oranienburger Antifa. „Wir müssen auch zeigen, wo die rote Linie ist.“ Wenn Nazis sich im örtlichen Fußballverein oder anderswo „als der gute Nazi von nebenan“ scheinbar unpolitisch engagieren wollten, müsste die Zivilgesellschaft sich deutlich wehren. „Man muss Nazis auch als Nazis benennen.“

Das Engagement für eine lebendige Demokratie war in den letzten Jahren durchaus erfolgreich – darin waren sich Vertreter des Forums und der Antifa einig. Das Bündnis in Oranienburg sei breit aufgestellt, sagte Fricke – „von bürgerlich bis zur Antifa“. Wer sich noch vor einigen Jahren gegen Rechts engagiert habe, habe leicht als „Nestbeschmutzer“ gegolten, sagt Angelika Stobinski. Das sei inzwischen anders. Anlass für Engagement gibt es allerdings noch genug. Das Gutscheinsystem für Asylbewerber etwa. Wie im vergangenen Jahr wollen das Forum und andere Gruppen beim Stadtfest dagegen protestieren.







19.3.2011

Artikel aus der Märkischen Allgemeinen Zeitung, Oranienburg


 

„Auf den Einzelnen kommt es an“

Vorschau Antirassismustage in Oranienburg mit breitem Programm /
Lesung, Diskussion und Filmabend

Von Sebastian Meyer

Oberhavel     Das Forum gegen Rassismus und rechte Gewalt, die Stadt Oranienburg, das Projekt und Eventmanagement für Jugendliche in Oranienburg (Proju) und der Landkreis haben auch dieses Jahr wieder ein buntes Programm für die Oranienburger Antirassismustage zusammengestellt, die am 21. März beginnen. „Wir wollen den Leuten die Möglichkeit geben, sich mit einem Thema, was sonst im Alltag nicht so vorkommt, auseinanderzusetzen“, sagte Andreas Hiller von Proju. Los geht es am Montag mit einem Film über den südafrikanischen Bürgerrechtler Steven Biko, der gegen die Rassendiskriminierung gekämpft hatte und 1977 an den Folgen der Folter gestorben war (18 Uhr, im „Laden“ in der Havelstraße 13). Einen Höhepunkt stellt sicherlich der Auftritt der Kabarettistin Serpil Pak am Freitag, 25. März, 19 Uhr in der Orangerie im Schlosspark dar, die sich auf humorvolle Weise mit Themen wie Kopftuch, Zwangsheirat und Ehrenmord auseinandersetzt. „Viele Leute sagen, dass das Thema Antirassismus langweilig ist. Deswegen freue ich mich da besonders drauf“, sagt Hiller, der das Programm im Wesentlichen erarbeitet hat. Dabei nutzte er auch persönliche Kontakte – wie den zu seinem langjährigen Freund Michael Holderbusch, der im vergangenen Jahr bei der RTL-Casting-Show „Supertalent“ von sich reden machte und den 2. Platz belegte. Holderbusch stehe dafür, dass in jedem ein Talent stecken könne und man nicht so sehr auf das Äußere achten solle, scherzte Hiller gestern in Anspielung auf das etwas unkonventionelle Erscheinungsbild seines Freundes.

Enden sollen die Antirassismustage am 9. April mit einer von der Georg-Elser-Initiative organisierten Podiumsdiskussion zum Thema Zivilcourage.




14.2.2011

Artikel aus der Märkischen Allgemeinen Zeitung, Oranienburg



Vorbild für Zivilcourage

Ausstellung über Georg Elser in Berlin / Schau in Oranienburg folgt


BERLIN - Beinahe hätte es geklappt, und Deutschland wäre von einem faschistischen Diktator erlöst worden. Doch schlechtes Wetter kam dazwischen. Weil Hitler deshalb nicht mit dem Flugzeug reisen konnte, sondern mit der Bahn zurück nach Berlin fahren und früher gehen musste, explodierte der Sprengsatz 13 Minuten zu spät.

Dem mutigen Mann, der für den versuchten Anschlag auf Hitler mit seinem Leben bezahlen musste, ist nun eine Ausstellung im Ökumenischen Zentrum in Berlin-Charlottenburg gewidmet. Sie wurde von der Oranienburger Courage-Elser-Initiative in die Hauptstadt geholt und am Freitagabend eröffnet. Unter dem Titel „Ich habe den Krieg verhindern wollen!“ dokumentiert die Ausstellung das Leben Elsers, seine Planung und Durchführung des Anschlags im Bürgerbräukeller in München, den Aufenthalt im KZ Sachsenhausen und seine Hinrichtung durch die Nazis kurz vor Kriegsende.

Abgesehen von Claus Schenk Graf von Stauffenberg und der Gruppe des 20. Juli 1944 gab es keinen Widerständler, der seinem Ziel, Hitler zu töten, so nahe gekommen ist wie Elser.

Trotzdem ist der Widerstandskämpfer Elser im Gegensatz zu Stauffenberg vielen Deutschen noch immer unbekannt. In der DDR durfte nicht über ihn geschrieben werden. Auch in der Bundesrepublik wurde Elser bis in die 1990er-Jahre kaum gewürdigt.

Vielen Politikern passe ein Mann, der vollkommen eigenverantwortlich handelt, nicht ins Konzept, meint Burkhard Gräf. „Elser war nicht parteigebunden, vertrat keine bestimmte Ideologie, sondern war ein einfacher Mann aus dem Volk.“

Zudem habe Elser den Deutschen durch sein Handeln den Spiegel vorgehalten: Wenn ein einfacher Handwerksgeselle von der Gefahr Hitlers für den Weltfrieden gewusst hatte, hätten es wohl auch viel mehr wissen können, als behauptet. Die Courage-Elser-Initiative Oranienburg will, dass Georg Elser endlich den Stellenwert in der deutschen Geschichtsschreibung erhält, der ihm ihrer Meinung nach zusteht. „Elser nutzt auch als Vorbild für Zivilcourage“, ist Gräf überzeugt.

Die Dokumentation der Bundeszentrale für politische Bildung und der Gedenkstätte „Deutscher Widerstand“ ist noch bis zum 10. März von Montag bis Donnerstag von 16 bis 18.30 Uhr im Ökumenischen Zentrum in der Wilmersdorfer Straße 163 zu sehen. Im November soll sie nach Oranienburg kommen. (Von Jacques Kommer)





8.2.2011

Artikel aus der Märkischen Allgemeinen Zeitung, Oranienburg



„Ich habe den Krieg verhindern wollen!“

Elser Initiative holt Ausstellung nach Berlin


ORANIENBURG/BERLIN - Am Bundesinnenministerium existiert eine Bronzebüste mit dem Konterfei des Hitlerattentäters Georg Elser. Auf dem Standort der ehemaligen Reichskanzlei in Berlin-Mitte soll eine 17 Meter hohe Stahlskulptur entstehen, die das Gesicht Elsers als Silhouette abbildet. Ein Erfolg, sagt der Sprecher der Courage-Elser-Initiatitve Oranienburg Burkhard Gräf. Doch bloße Denkmäler reichen dem 58-jährigen Hohenbrucher nicht. „In Berlin verkürzt sich die Diskussion um Elser auf das Denkmal“, sagt Gräf. „Doch eine solche Verkürzung wird Elser nicht gerecht.“ Bei dem Gedenken an Elser gehe es auch um ein Nachdenken über Zivilcourage in der heutigen Zeit.

Die Initiative hat deshalb eine von der baden-württembergischen Landeszentrale für politische Bildung und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand konzipierte Ausstellung nach Berlin geholt. Am kommenden Freitag wollen die Initiativmitglieder die Ausstellung „Ich habe den Krieg verhindern wollen!“ Georg Elser und das Attentat vom 8. November 1939“ eröffnen. Und Gräf wird eine Rede halten.

„Georg Elser, mehr als nur ein Denkmal?“ – so war die Rede ursprünglich überschrieben. Doch der eigentliche Redner erkrankte und Gräf springt ein. „Das Fragezeichen ersetze ich natürlich durch ein Ausrufezeichen“, sagt er lachend.

Gräf möchte die Elser-Ausstellung auch nach Oranienburg holen. Derzeit ist er auf der Suche nach einem geeigneten Ort. Er hofft, dass die Ausstellung über den 1945 in Dachau erschossenen Elser noch in diesem Jahr gezeigt werden könnte.

Ausstellungseröffnung „Ich habe den Krieg verhindern wollen!“ Georg Elser und das Attentat vom 8. November 1939“ am Freitag, 11. Februar, ab 19 Uhr im Ökumenischen Zentrum für Umwelt-Friedens-und Eine-Welt-Arbeit, Wilmersdorfer Straße 163, Berlin.





9.10.2010

Artikel aus der Märkischen Allgemeinen Zeitung, Oranienburg


 

Gewissen im Massenschlaf


Militär Deutschland führt Angriffskriege und keiner gibt es zu:
Jürgen Rose sprach im Bürgerzentrum

Von Eva-Maria Träger

ORANIENBURG Es herrscht Kampfstimmung am Donnerstag im Bürgerzentrum an der Albert-Buchmann-Straße. Auf dem Vorplatz patrouillieren Polizisten, im Raum neben dem Eingang wird Karate trainiert – Jürgen Rose spricht über den Krieg. Der 52-Jährige will aufklären, er sucht Verbündete, die verhindern helfen, was seiner Ansicht nach lange schon Realität ist: der deutsche Angriffskrieg. „Der rechtsunkundigen Bevölkerung wird nur dummes Zeug erzählt“, sagt er, die Politiker hüteten ihr Herrschaftswissen.

Rose ist ein zorniger Mann, er scheut weder drastische Worte noch deutliche Anklagen. Das hat dem Oberstleutnant a. D. schon viele Feinde beschert – und noch mehr Unterstützer. In Oranienburg tritt er in Schwarz vors Publikum, am Revers des Jacketts blitzt ein orangefarbener Button mit den Buchstaben „ds“, für „Darmstädter Signal“, ein seit 1983 bestehender Arbeitskreis aus Bundeswehrsoldaten, die sich friedenspolitisch engagieren. Rose sitzt im Vorstand.

Er sei schon immer ein kritischer Soldat gewesen, sagt er, der 1977 in die Bundeswehr eintrat. „Ich habe schon im Grundwehrdienst meine erste Beschwerde eingereicht.“ Er fühle sich seinem Gewissen verpflichtet, sagt Rose, nicht dem „Kadavergehorsam“. Es war im März 2007, als sein Gewissen ihn zu dem Antrag bewegte, von mit dem Afghanistan-Konflikt verbundenen Aufgaben befreit zu werden. Galt Rose im Militär lange schon als Nestbeschmutzer, machte diese in die Öffentlichkeit getragene Entscheidung ihn endgültig zur unerwünschten Person.

Mittlerweile ist er aus der Bundeswehr ausgetreten, er schreibt zum Thema, liest aus seinem 2009 erschienenen Buch mit dem Titel „Ernstfall Angriffskrieg“. Nach Oranienburg hat ihn die Courage-Elser-Initiative eingeladen, aus aktuellem Anlass. „Viele nehmen die Situation in Afghanistan nicht ernst“, sagt Burkhard Gräf, einer der Gründer. „Dabei ist dort heute der 44. deutsche Soldat gestorben.“ Es handele sich nur um eine „gefühlte Friedenszeit“, Deutschland trage seit Jahren zu Angriffskriegen bei – ohne die notwendige völkerrechtliche Rechtfertigung.

Dass weniger als 30 Zuhörer zu der Veranstaltung gekommen sind, überrascht Gräf so wie Rose, der gehofft hatte, eine größere Zahl Bücher signieren zu können, der mehr Menschen erreichen will. Er liest aus seinem Buch, das sich mit den Schauplätzen der Kriege beschäftigt, in die Deutschland in den vergangenen Jahren involviert war, mit „Angriffskriegsverweigern“ wie Rose selbst, mit der Rolle der Medien – und den Perspektiven, wie eine deutsche Beteiligung an solchen militärischen Maßnahmen verhindert werden kann.

Rose verärgert der Umgang mit kritischen Stimmen in der Bundeswehr, das sture „Befehl ist Befehl“ befördere „den Massenschlaf des Gewissens“. Das deutsche Militär habe ein falsches Selbstverständnis, das Land ein „strukturelles Demokratie-Problem“. Zwar schütze die Gesetzeslage prinzipiell vor einem Missbrauch des Militärs, es gebe aber ein Vollzugs-Problem. „Wir müssen die Rolle des Generalstaatsanwaltes stärken“, sagte Rose, dieser soll Verstöße ahnden, sei aber ein nachgeordneter Beamter. „Da kann man gleich die Frösche fragen, ob sie den Sumpf trockenlegen wollen.“

Info:
Jürgen Roses Buch mit dem Titel
„Ernstfall Angriffskrieg – Frieden schaffen mit aller Gewalt“
ist 2009 im Ossietzky-Verlag erschienen


2.10.2010

Artikel aus der  Märkische Allgemeinen, Neue Oranienburger Zeitung,

 



Dass Wessis und Ossis gut miteinander können, beweisen Burkhard Gräf (l.) und Bernd Findeis (r., Fotos: sem). Wessi Gräf hatte eines Tages im Jahr 1976 bei einem Besuch in Ostberlin Probleme mit der Nase, ging in die Charité und lernte Ossi Findeis kennen. Der hatte Ohrenschmerzen. Die Freundschaft hielt, trotz Mauer. Nach der Wende zog Gräf nach Hohenbruch, ganz in die Nähe seines Freundes Findeis. Gemeinsam gründeten sie die Courage-Elser-Initiative und reden leidenschaftlich über Politik und Geschichte. sem




29.9.2010

Artikel aus der Märkischen Allgemeinen Zeitung, Oranienburg,


Gewissen statt Gehorsam

Oberstleutnant Jürgen Rose spricht über Angriffskriege
und wie man sie verhindern kann


HOHENBRUCH - Jürgen Rose ist ein ungewöhnlicher Soldat. Wo andere Befehle ausführen, fragt er kritisch nach. Wo andere Zweifel beiseiteschieben, prangert er Missstände öffentlich an. Dafür hat die Bundeswehr den inzwischen im Ruhestand stehenden Oberstleutnant mehrfach mit Disziplinarverfahren überzogen.

Für Aufsehen erregte Rose Anfang 2007, als er sich aus Gewissensgründen von seinen dienstlichen Aufgaben für den Tornado-Einsatz in Afghanistan entbinden ließ. Denn den Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch hält Rose für nicht vereinbar mit dem Grundgesetz. So wie übrigens auch die Beteiligung Deutschlands am Irak- und am Kosovokrieg.

Am Donnerstag wird Rose im Oranienburger Bürgerzentrum über Angriffskriege und Zivilcourage reden. Eingeladen haben ihn Bernd Findeis und Burkhard Gräf. Die beiden haben vor einem Jahr die Courage-Elser-Initiative gegründet, mit der sie die Erinnerung an das Leben und Wirken des gescheiterten Hitler-Attentäters Georg Elser wachhalten wollen.

Die Initiative will sich aber nicht nur mit der Vergangenheit auseinandersetzen. „Wir wollen keine Denkmäler und auch kein Museum“, sagt Gräf. Stattdessen wolle man die Frage stellen, was Zivilcourage heute bedeutet und beispielsweise darüber diskutieren, wie gesellschaftliche Gruppen, die während der Zeit des Nationalsozialismus versagt hätten, sich heute verhalten. So wie die Justiz. So wie die Bundeswehr.

Gräf und Findeis imponiert, dass Rose sein Gewissen nicht am Kasernentor abgegeben habe, sondern sich dem Leitbild des sogenannten Staatsbürgers in Uniform verpflichtet fühle. „Elser hat auch keine Parteizentrale gebraucht, um seinem Gewissen zu folgen“, schlägt Gräf eine Brücke zurück zum gescheiterten Tyrannenmörder.

Was ihn aufregt, ist dagegen das Schweigen der deutschen Justiz zu den aus seiner Sicht verfassungs- und völkerrechtswidrigen Angriffskriegen in Afghanistan und dem Irak. Gräf verweist darauf, dass die Generalbundesanwaltschaft Klagen gegen die verantwortlichen Politiker mit der Begründung zurückwies, dass es laut Grundgesetz zwar strafbar sei, einen Angriffskrieg vorzubereiten, nicht aber, ihn zu führen. „Eine Zumutung für Moral und Verstand“, sagt Jürgen Rose dazu in seinem Buch „Ernstfall Angriffskrieg“.

Findeis und Gräf sind keine Pazifisten. So wie Georg Elser den Verbrecher Hitler mit Gewalt stoppen wollte, so dürfe man auch heute Gewalt als letztes Mittel gegen Gewalt nicht ausschließen. Doch Auslandseinsätze der Bundewehr, da sind sie sich einig, müssten zumindest durch Resolutionen des Sicherheitsrates und das Grundgesetz gedeckt sein.

Den Umbau der Bundeswehr in eine international operierende Eingreiftruppe verfolgen sie dementsprechend mit großer Sorge. „An die heimkehrenden Zinksärge wollen sich normal denkende Menschen einfach nicht gewöhnen – und das zu Recht“, sagen sie. (Von Sebastian Meyer)






7.7.2010

Leserbrief aus der Märkischen Allgemeinen, Neue Oranienburger Zeitung   


ZUR „DEMOKRATIEMEILE“ IN ORANIENBURG

Randerscheinung

Mein Verein, der Kulturkreis Hohen Neuendorf, beteiligte sich mit vielen anderen zivilgesellschaftlichen Initiativen und demokratischen Parteien wie der Jüdischen Gemeinde, Nordbahngemeinden mit Courage, dem Welt Laden, dem Georg Elser Verein, der Heinrich-Böll-Stiftung, dem DRK, der SPD, der Linksjugend, den Grünen, der CDU u. a. in solidarischer Weise an der vom Forum gegen Rassismus und rechte Gewalt im Rahmen des Stadtfestes organisierten Demokratiemeile. „Oranienburg l(i)ebt bunt“ – dieses Motto galt es, wirkungsvoll zu untersetzen.

Diese schöne und aus dem im vergangenen Jahr und 2008 erfolgreicher stattgefundenen „FestiWahl“ auf dem Schlossplatz gewachsene Idee hätte bei den vielen Besuchern und bei bestem Wetter der Stadt der Toleranz Oranienburg sicher sehr gut tun können. Die veranstaltete Demokratiemeile hat das aber nicht leisten können. Weit abgeschlagen vom Sport-, Event- und marktorientierten Festtreiben fanden nur wenige Gäste den Weg zu uns, leider auch nicht diejenigen, die sich derartige unterstützenden Initiativen der Bürger doch sehr wünschen müssten. Abgesehen von der selbst im Forum engagierten Landtagsabgeordneten Gerrit Große, fand kein Politiker den Weg zu uns. Selbst der Bürgermeister Oranienburgs schaffte es nicht bis zur Demokratiemeile. Vielleicht ein Indiz dafür, dass wir mit unserem Anliegen als derartige Randerscheinung aus dem Blick geraten mussten. Wieder verpuffte in Zeiten zunehmender Politikverdrossenheit eine gute Chance.
Angelika Stobinski, Hohen Neuendorf





19.4.2010
Artikel aus der Märkischen Allgemeinen, Neue Oranienburger Zeitung,


 

Sonderhäftling Georg Elser
Widerstand Schau erinnert an Hitler-Attentäter


ORANIENBURG Es gab keine politische Gruppe, die ihn stützte, keine kirchliche Gemeinde, die von seinem Vorhaben wusste. Am 8. November 1939 versuchte Georg Elser, Adolf Hitler mit einem Sprengstoffattentat zu töten. Lange Zeit schien es unvorstellbar, dass ein einzelner Schreiner den Tyrannenmord gewagt haben soll. Mit der am Sonnabend eröffneten Sonderausstellung „Georg Elser: Sonderhäftling im KZ Sachsenhausen 1940 bis 1945“ erinnern die Gedenkstätte und das Museum Sachsenhausen an den 1945 in Dachau ermordeten Widerstandskämpfer.

Auf den Ausstellungstafeln im ehemaligen Zellenbau ein Foto des bereits kahlgeschorenen Elser in Gefängniskleidung. „Das erste und letzte Bild“, das die Nazis von Elser gemacht hätten, so Johannes Tuchel, Leiter der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand, in seiner Eröffnungsrede. Elser, so Tuchel, war der Häftling in Sachsenhausen, „der am längsten in totaler Isolationshaft gesessen hat“. Fünf Jahre ist ihm jeglicher Kontakt mit anderen Häftlingen verboten. SS-Männer bewachen ihn rund um die Uhr in seiner Zelle.

Warum Georg Elser so lange in Isolationshaft sitzen musste? Die Nazis hätten angenommen, Elser habe sein Attentat im Auftrag des britischen Geheimdienstes geplant, sagte Tuchel. Nach dem Krieg hätten sie einen Schauprozess anstrengen wollen. „Auch das zeigt die Hypertrophie des Dritten Reiches.“

Als das Dritte Reich bereits in Trümmern liegt, wird Elser in Dachai durch einen Genickschuss umgebracht. Sein Tod solle so aussehen, als sei er bei einem Luftangriff umgekommen, lautet eine Anweisung. Eine solche Anstrengung gegen Ende des Krieges – auch das ein Beleg, so Tuchel, „wie sehr die Nazis diesen Mann gehasst haben“. fh




Redner waren u.a.
Burkhard Gräf,
Oranienburgs
Bürgermeister
Joachim Laesicke und
Prof. Jutta Limbach



12.4.2010

Artikel aus der Märkischen Allgemeinen Zeitung, Oranienburg,


Ein unbequemer Held

von Issio Ehrich


ORANIENBURG

Jutta Limbach und Burkhard Gräf erinnern in Oranienburg an Johann Georg Elser / Rechte demonstrieren


Johann Georg Elser war ein einfacher Handwerksgeselle. Und doch ahnte er schon 1939, wie verhängnisvoll das Regime der Nationalsozialisten sein würde.
Es wäre Johann GEORG ELSER fast gelungen, Adolf Hitler zu töten. ELSER versteckte einen Sprengsatz in einer Säule im Münchener Bürgerbräukeller. Bei einer Rede des Diktators am Abend des 8. November 1939 sollte sie explodieren, Hitler töten, einen Krieg verhindern und Millionen Menschenleben retten. Aber Hitler verließ den Saal zu früh. Kaum 15 Minuten zu früh. Der Führer der Nationalsozialisten war nicht mehr im Bürgerbräukeller, als der Sprengsatz explodierte.
Abgesehen von Claus Schenk Graf von Stauffenberg und der Gruppe des 20. Juli 1944 gab es keinen Widerständler, der seinem Ziel so nahe gekommen wäre wie ELSER. Und doch ist der Attentäter aus Königsbronn (Baden-Württemberg) vielen

Deutschen noch immer unbekannt. Vermutlich aus einem einzigen Grund: Für die Deutschen war ELSER lange ein unbequemer Held.
Die Courage-ELSER-Initiative Oranienburg will, dass ELSER endlich den Stellenwert in der deutschen Geschichtsschreibung erhält, der ihm ihrer Meinung nach zusteht. Mit einer Vortragsrunde im Bürgerzentrum von Oranienburg versuchte die Initiative darauf hinzuarbeiten. Die Veranstaltung fand am Freitag, 9. April, statt, jenem Tag, an dem ELSER vor 65 Jahren im Konzentrationslager Dachau hingerichtet worden war.
ELSER zählte nicht zur intellektuellen Elite, nicht zum Adel und nicht zur wohlhabenden Oberschicht. Er war ein gewöhnlicher Schreinergeselle. Genau darin liegt der tiefere Grund, warum er in Deutschland nie den Stellenwert eines Grafen von Stauffenberg erlangt hat. Davon zeigte sich Jutta Limbach, ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes, in Oranienburg überzeugt.
Der Handwerksgeselle aus einfachen Verhältnissen erkannte schon 1939 die Gefahr, die die Herrschaft Hitlers für den Weltfrieden bedeutete. „Diese Voraussicht künftigen Unheils beschämte und kränkte offenbar all jene, die den verbrecherischen Charakter des Nationalsozialismus angeblich nicht oder zu spät erkannt haben“, sagte Limbach. „ELSERs Einsichtigkeit und Entschlusskraft stellen die Glaubwürdigkeit und den Verantwortungssinn vieler seiner Zeitgenossen in Frage.“

Der Widerstandskämpfer strafte viele Lügen, die sich aus der Verantwortung zu stehlen suchten, indem sie behaupteten, von den Plänen und Taten Hitlers nichts geahnt zu haben. Vor allem in der Zeit vor der 68er-Studentenbewegung (erst sie trieb eine öffentliche Debatte über die stille Mittäterschaft von Millionen Deutschen an) kritisierten Historiker und Zeitgenossen ELSER.
Sie unterstellten ihm, im Auftrag von Hintermännern gehandelt zu haben. Zunächst hieß es, er sei ein Attentäter des britischen Geheimdienstes. Dann keimte die Vermutung auf, die Nationalsozialisten hätten das Attentat mit ELSER selbst inszeniert, um Hitler die Aura des Unverwundbaren zu verschaffen.
Ein Umdenken fand nur langsam statt. Erst Ende der 60er-Jahre konnten der Münchener Historiker Lothar Gruchmann und Anton Hoch beweisen, dass ELSER ohne Auftraggeber gehandelt hatte.
Deutlich länger hielt sich ein anderer Vorwurf. Bei dem Anschlag im Bürgerbräukeller sind acht Menschen gestorben, darunter zwei Kellnerinnen. ELSER habe den Tod Unschuldiger in Kauf genommen, hieß es. Seinen Versuch, Deutschland von Hitler zu befreien, bezeichneten seine Kritiker unter diesem Vorwand als unmoralisch.
Bis heute verwenden Gegner ELSERs den Tod der Kellnerinnen gegen ihn. Nunmehr berufen sich vor allem Rechte Kreise auf dieses Argument, das zeigte sich auch bei der Veranstaltung in Oranienburg. Kurz vor Beginn der Vorträge bezog eine Gruppe vermummter Männer vor dem Bürgerzentrum Stellung. Sie trugen Plakate mit den Namen der Opfer. Während der Gesprächsrunde meldete sich Detlef Appel, Kreistagsabgeordneter der NPD, zu Wort. Er erinnerte an die beiden getöteten Kellnerinnen. „ELSER hat das Attentat ein Jahr lang geplant“, sagte Appel und griff das Argument auf, ELSER habe den Tod der Unschuldigen hingenommen.
Aber auch dieses Argument wissen Historiker heute zu widerlegen. Limbach und Gräf wiesen den Vorwurf des NDP-Funktionärs denn auch vehement zurück. „Appel verbreitet Lügen“, sagte Gräf. „Adolf Hitler hat keinen Alkohol getrunken, und er hat sich dagegen verwehrt, dass während seiner Reden getrunken wird.“ Diese Information habe ELSER gehabt. Die Kellnerinnen seien nur beim Attentat getötet worden, weil Hitler den Saal frühzeitig verlassen hat und sie ihren Dienst schon wieder aufgenommen hatten, als der Sprengsatz explodierte. „ELSER ging davon aus, dass im Bürgerbräu nicht serviert werden würde. Die Kellnerinnen wären nach seinem Plan nicht zu Schaden gekommen“, sagte Limbach.
Die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts verwies auch darauf, dass ELSER im Sinne des Widerstandsrechts des Grundgesetzes rechtmäßig gehandelt hätte. „In Deutschland wurde in dieser Zeit überall das Recht auf Leben und körperlicher Unversehrtheit verletzt. Einen Rechtsstaat gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr“, sagte sie. „ELSER zeigte Opfermut und Courage in einer Diktatur, die sich schon seit Jahren von Bürger- und Menschenrechten verabschiedet hatte.“
Gräf forderte darum, ELSER endlich einen angemessenen Platz in der deutschen Geschichtskultur einzuräumen. „Diesen hat er noch nicht“, kritisierte er.
Heute eignet sich ELSERs Geschichte nicht nur, um jene in Frage zu stellen, die behaupten, von Hitlers Plänen nichts gewusst zu haben. Er nutzt auch als Vorbild für bürgerlichen Widerstand, davon ist Jutta Limbach überzeugt. „Das Erinnern an GEORG ELSER ermahnt uns alle, unsere staatsbürgerlichen Rechte aktiv wahrzunehmen, auf dass wir staatlichen Machtmissbrauch nicht erst dann zu begegnen versuchen, wenn es zu spät ist.“ Limbach beendete ihre Rede mit den Worten: „Die Bereitschaft zu steter Wachsamkeit und zum Widerstand ist das Unterpfand der Freiheit.“





Burkhard Gräf im Gespräch mit Prof. Jutta Limbach,
während vor der Tür
Neonazis ihre Altnazis ehrten


Copyright Kappa Foto



8.4.2010

Artikel aus der Märkischen Allgemeinen Zeitung, Oranienburg,


Es fehlten nur 13 Minuten –

Jutta Limbach würdigt Hitler-Attentäter Elser


13 Minuten und eine edle Absicht wurden ihm zum Verhängnis. Weil sich am 9. November 1939 Nebel über München gelegt hatte und Adolf Hitler mit dem Zug nach Berlin reiste, beendete der Diktator seine Rede im Bürgerbräukeller früher als erwartet. 13 Minuten später detonierte eine von Georg ELSER präparierte Bombe, acht Menschen starben. Georg ELSER wurde derweil an der Grenze zur Schweiz festgenommen – Notizen über Munitionsherstellung, eine Ansichtskarte vom Bürgerbräukeller und Werkzeug hatten ihn verdächtig gemacht. Als ELSER die Tat später gestand, sagte er, er hätte das alles dabeigehabt, um seine Einzeltäterschaft zu beweisen – er wollte nicht, dass andere für seine Tat verantwortlich gemacht würden.

Dass Georg ELSER, der am Freitag vor 65 Jahren im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde, lange Zeit keinen Platz in der deutschen Gedenkkultur hatte, liegt auch daran, dass seine Tat Fragen aufwirft.

Wann ist ein Tyrannenmord gerechtfertigt? Darf man dafür auch das Leben unschuldiger Dritter gefährden? Und wie steht das im Verhältnis zum auch im Grundgesetz verankerten Widerstandsrecht? Die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, Jutta Limbach, wird versuchen, darauf Antworten zu geben. Unter dem Titel „Georg ELSER – Ein Volksheld oder ein Täter mit gutem Gewissen“ spricht sie morgen um 19 Uhr im Bürgerzentrum Oranienburg, Albert Buchmann-Straße 17. sem




3.4.2010

Quelle: Märkische Allgemeine,


 

Gedenkveranstaltung

Zum Elser-Tag für Zivilcourage veranstaltet die Courage-Elser-Initiative Oranienburg eine Gedenkfeier. Sie beginnt an Elsers 65. Todestag, am Freitag, 9. April, um 19 Uhr im Bürgerzentrum Oranienburg (Oberhavel) in der Albert-Buchmann-Straße 17.
Es sprechen Jutta Limbach, die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes, zum Thema „Georg Elser – Ein Volksheld oder ein Täter mit gutem Gewissen?“ sowie Burkhard Gräf, der Sprecher der Oranienburger Elser-Initiative.

Gezeigt wird auch eine Plakatausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand unter dem Titel „Georg Elser und das Attentat vom 8. November 1939“.

Mehr Informationen unter www.courage-elser.de.
Kontakt per E-Mail unter oranienburg@georg-elser.net.



3.4.2010

Artikel aus der Märkischen Allgemeinen Zeitung, Oranienburg


Der einsame Held

Am kommenden Freitag jährt sich zum 65. Mal
der Todestag des Hitler-Attentäters

Georg Elser. Lange war er unbekannt.
Von Robert Tiesler

Ein Einzelner gegen einen ganzen Staat. Die Tat war lange geplant. Schon ein Jahr vor dem Anschlag auf Adolf Hitler besuchte der Schreiner Johann Georg ELSER am 8. November 1938 eine Veranstaltung im Münchener Bürgerbräukeller. Dort sprach Hitler zum Jahrestag des Putschversuches gegen ihn im Jahre 1923. ELSER beobachtete ganz genau, was wann wie und wo passierte. Normalerweise verlief das Prozedere von Jahr zu Jahr gleich. Zum 8. November 1939 präparierte ELSER eine tragende Säule des Saales mit einem Sprengkörper. Doch das Attentat scheiterte: Hitler verließ den Saal früher als sonst. Er musste einen bestimmten Zug erreichen und entkam so der Explosion.

Von 42 Attentaten auf Adolf Hitler haben ihn nur zwei ernsthaft gefährdet. Das von Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 und das von Georg ELSER fünf Jahre zuvor. Doch insbesondere in der DDR war ELSER nahezu unbekannt.

Georg ELSER kam aus einfachen Verhältnissen. Geboren 1903 in Hermaringen (Baden-Württemberg) hatte er fünf Geschwister. ELSERs Vater war Holzhändler. Nach der Lehre arbeitete er in verschiedenen Schreinereien. Schon früh kämpfte er gegen den Nationalsozialismus. In den Jahren 1928/29 war er Mitglied in einer KPD-Kampforganisation. Wenn Adolf Hitler im Radio gesprochen hat, verließ ELSER den Raum, den Hitlergruß verweigerte er konsequent.

Einer, der Georg ELSER bekannter machen möchte, ist Burkhard Gräf aus Hohenbruch (Oberhavel). Er ist Sprecher der Courage-ELSER-Initiative Oranienburg. „ELSER hat Zivilcourage bewiesen“, so Gräf. „Er war ein Held, der er selber gar nicht sein wollte, aber gleichzeitig das, was uns heute in der Gesellschaft fehlt.“ Gemeint ist die Mitverantwortung anderen Menschen gegenüber. „Schon die Weimarer Republik ist nicht wegen der Gesetze kaputtgegangen, sondern daran, weil es zu wenige Demokraten gab“, sagt Burkhard Gräf.

Dennoch taucht immer wieder die Frage auf, ob ELSER tatsächlich zum Helden taugt. Insbesondere rechtsgerichtete Kreise werfen ihm vor, dass unschuldige Menschen bei dem Sprengstoffanschlag ums Leben gekommen seien. Die Nationalsozialisten sahen in ELSER gar ein Werkzeug des britischen Geheimdienstes. „Es ist tatsächlich so, dass ELSER ein Vorbild ist, seine damalige Methode jedoch nicht“, sagt Burkhard Gräf. „ELSER hat in einer ganz anderen Zeit gelebt. Er wählte seine Mittel nicht freiwillig“, so der 58-jährige Hohenbrucher weiter. Die Möglichkeit, sich polizeiliche Hilfe zu holen, hatte ELSER nicht. „1939 war der Staat selbst der Verbrecher“, so Gräf. Er verweist auf das Widerstandsrecht, das seit 1968 auch in der deutschen Verfassung stehe: Wenn der Staat sich über das Gesetz erhebe, dann habe das Volk das Recht, einzuschreiten. Auch in der Unabhängigkeitserklärung der USA gäbe es diesen Passus.

Jutta Limbach, die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes, bestätigt dies in ihrem 2006 veröffentlichten Buch über ELSER: Er habe dem Recht zum Durchbruch verhelfen wollen, so schreibt sie. Und sie stellt klar, dass die Situation nicht mit den heutigen Begebenheiten vergleichbar seien.

Wäre der Anschlag auf Hitler 1939 geglückt, wäre es vielleicht nicht zu einer Ausweitung des gerade begonnenen Krieges und zum Massenmord in den Konzentrationslagern gekommen. Stattdessen wurde ELSER festgenommen und in Berlin verhört. Ab 1940 saß er mehrere Jahre lang als „Sonderhäftling“ im KZ Sachsenhausen. Am 9. April 1945 wurde er im Konzentrationslager in Dachau erschossen.

Inzwischen gilt der 9. April als Gedenktag für Georg ELSER – der Tag für Zivilcourage. „Davon gibt es heute viel zu wenig“, sagt Burkhard Gräf von der Oranienburger Initiative. Er kann das aber auch nachvollziehen: „Der Druck ist höher, die Menschen haben oft Angst um ihre Arbeit, wenn sie ihre eigene Meinung ausdrücken.“

Die Gruppe um Burkhard Gräf besteht aus einem festen Kern aus sieben Leuten und vielen weiteren Freunden. „Wir möchten informieren und aufklären“, sagt der Sprecher der Initiative, ein gelernter Betriebswirt. Zum 65. Todestag am kommenden Freitag veranstalten er und seine Mitstreiter in Oranienburg eine Gedenkveranstaltung. Zusätzlich wird am 17. April in der Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg eine biografische Ausstellung über Georg ELSER eröffnet. Im ehemaligen Zellenbau wird ELSER als Mensch und im Widerstand gezeigt. Schautafeln und Dokumente erinnern an den „Sonderhäftling im KZ“.




19.3.2010

Märkische Allgemeine, Neue Oranienburger Zeitung,

 

 

Selbstvertrauen für mehr Zivilcourage

Geschichte: Hohenbrucher ist Sprecher der Courage-Elser-Initiative


HOHENBRUCH In der DDR war der Hitler-Attentäter Georg Elser weitgehend unbekannt, ganz anders als Graf von Stauffenberg. Doch das will Burkhard Gräf ändern. Der 58-Jährige aus Hohenbruch ist Sprecher der Courage-Elser-Initiative Oranienburg, der momentan sieben Leute angehören. „Viele weitere Freunde unterstützen uns“, sagt Burkhard Gräf, der im vergangenen Jahr für sich selbst nach einer Möglichkeit suchte, sich politisch zu engagieren. „Da bin ich auf Georg Elser gekommen.“

Elser verübte am 8. November 1939 ein Attentat auf Adolf Hitler. Eine Kette zufälliger Umstände führte jedoch dazu, dass die Tat scheiterte. „Im Gegensatz zu Stauffenberg hatte sich Elser immer gegen das Naziregime gerichtet“, sagt Burkhard Gräf. „Er hat den Raum verlassen, wenn Hitler im Radio sprach und sich konsequent dem System verweigert.“

Am 9. April 1945 wurde Georg Elser im KZ Dachau hingerichtet, daran will die Courage-Elser-Initiative erinnern. Derzeit arbeitet Gräf deshalb mit seinen Mitstreitern an einer Gedenkveranstaltung, die am Todestag Elsers im Oranienburger Bürgerzentrum stattfinden soll.

Die Mission des Hohenbruchers: „Die Menschen sollen Verantwortung füreinander übernehmen“, sagt Gräf. „Wir brauchen wieder mehr Zivilcourage, und das erfordert Selbstvertrauen.“ Deshalb besucht Burkhard Gräf auch Schulklassen, um über Georg Elser und seine Tat zu erzählen. rt

info E-Mail-Kontakt zur Initiative unter oranienburg@georg-elser.net.
Einen ausführlichen Beitrag zum Thema finden Sie voraussichtlich
am 3. April im Wochenendmagazin „Die Märkische“.




16.2.2010
Märkische Allgemeine, Neue Oranienburger Zeitung,


 

Propaganda im Briefkasten – Extremismus

NPD verteilt Flugblätter zum sowjetischen Speziallager
in Sachsenhausen – mit falschen Daten

Von Sebastian Meyer

ORANIENBURG Auf die Haushalte in Oberhavel rollt eine braune Propagandawelle zu. Die NPD begann gestern damit, Flugblätter zu verteilen, in denen die Erinnerungspolitik der Gedenkstätte Sachsenhausen kritisiert und der gescheiterte Hitler-Attentäter Georg Elser als „Mehrfachmörder“ diffamiert wird. Nach Angaben ihres Sprechers Thomas Salomon wollen die rechten Marschierer in den nächsten Tagen mehr als Zehntausend ihrer Schriften in die Briefkästen im Landkreis werfen.

Die NPD kritisiert, dass es gestern in der Gedenkstätte keine Veranstaltung zum Ende des sowjetischen Speziallagers gegeben hätte – jenem Tag vor 60 Jahren, an dem laut NPD die letzten Häftlinge das Speziallager verlassen hätten. Während die NPD davon spricht, dass der „politischen Klasse“ der „moralische Kompass endgültig abhanden“ gekommen sei, sieht der Sprecher der Gedenkstättenstiftung, Horst Seferens, die Angelegenheit deutlich pragmatischer. Eine Gedenkveranstaltung habe es gestern nicht gegeben, weil die letzten Häftlinge das Lager auch nicht am 15. Februar 1950 verlassen hätten. „Das ist schlicht unzutreffend.“ Die letzten Häftlinge seien von Mitte Januar bis Ende März 1950 entlassen worden. Es gebe also kein eindeutiges Ende des Speziallagers – weshalb man sich auf den 16. August, den Tag der Lager-Einrichtung, als zentralen Gedenktag geeinigt habe. Seferens nannte die NPD-Flugblattaktion einen Versuch, Geschichtsklitterung auf dem Rücken der Opfer des Stalinismus zu betreiben.

Auch andere Mitglieder der Zivilgesellschaft reagierten empört auf die Flugblätter. Burkhard Gräf von der Georg-Elser-Initiative sagte, Elser stehe für eine Gesellschaft ohne Krieg und Mord. „Elser hat sich seine Methoden nicht ausgesucht. Das haben ihm die Nazis aufgezwungen.“ Bernhard Fricke vom „Forum gegen Rassismus und rechte Gewalt Oranienburg“ sagte, das Gedenken liege in der Hand der Opferverbände. „Sie sind nicht auf die Nachhilfe einer Partei angewiesen, die mit Hilfe eines autoritären und nationalistischen Staates Menschen anderer Herkunft und anderer Weltanschauung aus der Gesellschaft ausgrenzen will.“



18.8.2005

Märkische Allgemeine, Neue Oranienburger Zeitung,

 

 

Keine Mehrheit für Georg Elser

Ortsbeirat lehnt Namensvorschlag ab


SACHSENHAUSEN Die Mitglieder des Ortsbeirates Sachsenhausen sind gegen eine Umbenennung der Reichenbergstraße in Georg-Elser-Straße. Einen entsprechenden Vorschlag hatte Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke den Sachsenhausenern unterbreitet.


Dabei haben die Beiräte nichts gegen Georg Elser. Er habe eine solche Ehrung mit Sicherheit verdient, war während der Beiratssitzung am Dienstagabend vielfach zu hören. Elser hatte am 8. November 1938 versucht, Hitler zu töten. Das Attentat schlug wie alle anderen fehl und Elser saß von 1940 an im KZ Sachsenhausen ein, bevor er am 9. April 1945 in Dachau ermordet wurde.


Die Reichenbergstraße führt unmittelbar am Gelände der Gedenkstätte entlang. Eigentlich ein idealer Ort also, um einen solchen Mann zu ehren. Doch die Sachsenhausener Beiräte sind überhaupt gegen eine Umbenennung der Straße. Die Straße habe einen Namen. Sie umzubenennen sei auch eine Zumutung für die Anwohner. Und wenn man der Straße schon einen neuen Namen geben müsse, dann gebe es doch auch eine ganze Reihe Persönlichkeiten, die Besonderes für den Ort geleistet haben, so Ortsbürgermeister Jürgen Wruck.


Die Reichenbergstraße trägt bislang noch den deutschen Namen der heute in Tschechien liegenden Stadt Liberec. dns



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